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WeLoveBooks empfiehlt: Kukolka von Lana Lux

Aktualisiert: 27. Juni 2018



»Mir war nämlich klar geworden, dass ich die einzige war, die das hier überleben konnte. Ich war nicht so eine gefallene Püppi. Ich war schon immer hier unten gewesen.«


KUKOLKA ist ein unscheinbares Wort; ein unscheinbarer Titel – was heißt Kukolka? Und was hat das mit unserer heutigen Buchvorstellung zu tun?


Die in Berlin lebende und aus der Ukraine stammende Autorin Lana Lux hat mit ihrem Roman KUKOLKA ein faszinierendes, ruhiges, aber dennoch gewaltiges Debüt hingelegt. Am 18. August 2017 erscheint das Werk im Aufbau Verlag. Was steckt hinter dem Titel mit den sieben Buchstaben? Welche Hauptfigur begegnen wir? Und welchen Konflikt müssen wir bewältigen, mit welcher Pointe werden wir konfrontiert?

Zuallererst: »Kukolka« ist ukrainisch und heißt »Püppchen«. In unserem Falle ist unser Püppchen Samira, ein junges Mädchen aus der Ukraine, lebend in einem Heim in Dnipropetrowsk. Sie hat nur einen Wunsch: Nach Deutschland. Sie will in dieses Land zu ihrer besten Freundin Marina, die von deutschen Eltern adoptiert wurde und dort – laut ihrem Brief – ein schönes Zuhause gefunden hatte. Samira sehnt sich ebenfalls nach diesem Privileg, in Freiheit leben zu können, nicht hinter den dicken Mauern eines Kinderheims, beobachtet von den Argusaugen von Elena, der Aufseherin, und drangsaliert von den »blöden Fotzen«, die wie Samira im Heim leben müssen. Sie schafft es auf die Straßen der ukrainischen Stadt und macht sich alleine auf den Weg nach Deutschland. Wohlstand. Schöne Kleider. Ein unbeschwertes Aufwachsen. Bildung. Diesem Ziel versucht Samira zu folgen, doch es kommt ganz anders, als gewünscht.


Im Roman ist diese Ironie das Traurige, was die Autorin mit unserer Hauptfigur Samira angestellt hat. Sie wünschte sich nur, nach Deutschland zu gelangen, doch dieser Wunsch blieb ihr verwehrt. Stattdessen landet sie auf offener Straße, alleine zwischen Mafiabossen, kranken Psychopathen und Pädophilen, die Gott weiß was mit ihr anstellen würden. Schließlich gabelt sie Rocky auf, auf den ersten Blick ein netter Mann, der ihr helfen will. Sie geht mit ihm, und von da an beginnt Samira’s Martyrium.


Unsere kleine Kukolka ist das absolut beste im ganzen Roman! Besonders die Charakterentwicklung gelang der Autorin sehr gut: Zu Beginn war Samira ein nettes, ruhiges und naives Mädchen; doch je mehr sie erlebte und je mehr sie »erlernte« (im negativen Sinne gemeint), umso abgebrüteter und härter wurde sie. Man konnte deutlich zwischen den Zeilen spüren, wie sich Samira veränderte, wie sie mit ihrer Gutgläubigkeit den Menschen vertraute, denen sie nicht hätte vertrauen sollen. Möglicherweise könnte man diese Aneinanderreihung von schrecklichen Erfahrungen als Zufall abtun, doch genau das bezweckte die Autorin mit dieser Aneinanderreihung tückischer Ereignisse: Die Autorin und wir Leser wollen wissen, wie Samira reagiert. Wir wollen sie testen, sie auf die Probe stellen. Sie ist unsere Heldin, unser Kind, unser Liebling, und wir wollen erfahren und erleben, wie Samira ihr Martyrium meistert, wie sie den unbewussten Gefahren entgeht. Frau Lux stellt in ihrem Werk nicht nur ihre Heldin auf die Probe, sondern auch uns Leser: Halten wir es aus, diese Achterbahnfahrt von Kukolka? Verschmerzen wir die Enttäuschungen, die Samira erlebt, das tausend Mal verletzt werden, der Geschlechtsverkehr, die Misshandlungen, die Samira durchleben muss? Gott, wir müssen Glück haben, dass Samira eine solch starke Persönlichkeit hat, denn jedes andere »Püppchen« wäre zusammengebrochen, hätte aufgegeben. Doch nur der eine Wunsch, nach Deutschland zu kommen, nistete sich in Samiras Kopf ein und wuchtete da über Jahre – sie gab nie den Wunsch auf, dachte nur an Marina und Deutschland, wollte die Ukraine verlassen – und dies zeigt, wie groß der Wille ist, wie groß dieser Wunsch ist, der lange in ihr reifte, dass Samira nur dieses Ziel verfolgte. Nun ist die Frage: Schafft sie es? Wie lange hält sie durch? Wie meistert sie das? Lesen Sie selbst!


"куколка"


Eine große Message konnte ich aus dem Werk von Lana Lux herausfiltern: Niemals aufgeben! Immer weitermachen, dem roten Faden folgen, dem Herz zuhören, sich nicht unterkriegen lassen. Selbst die Enttäuschungen sollten Lehren sein, und auch die Beleidigungen, die psychische Folter oder die Qual einfach nur wie unnütze Gedanken aus dem Kopf verscheuchen. Durchalten ist das Schlagwort! Nicht aufgeben – Lana Lux verarbeitete diese Pointe, diese Prämisse, fantastisch in einem Roman, der fasziniert, der begeistert, der nicht zuletzt bewegt, sondern auch berührt. Der Roman ist wichtig, ein großer Fortschritt unserer postmodernen Unterhaltungsliteratur. Nicht nur anspruchsvoll, weil wegen der wichtigen Pointe, dass man den Kern, die Aussage versteht, sondern auch, weil man mit Samira lebt, weil man ihr folgt, weil man mit ihr leidet und mit ihr lacht, mit ihr weint und mit ihr Kraft aufbaut, sozusagen durch sie sieht. Diese Perspektive verleiht dem Roman eine unglaubliche Authentizität, einen Wimpernschlag Realität, und einen großen Löffel Dramatik. Denn nichts anderes als das wahre Leben, oder zumindest ein kleiner Teil davon, ist hier in diesem Roman Realität – denn, wer weiß, wie es in der Ukraine wirklich zugeht. Welche Gefahren lauern auf der Straße, welche Menschen rennen uns über den Weg, welche Kinder brauchen Hilfe, welche Kinder haben kein Zuhause, keine Familie, keine positive Zukunft? Wir wissen es nicht, doch Lana Lux hat uns einen kleinen Einblick in das Leben einer vom Schicksal gezeichneten Person gewährt – und dieser Einblick war Grund genug, um selbst über das eigene Leben nachzudenken und froh darüber zu sein, dass man das hat, was man hat.


KUKOLKA ist ein Schrei nach Aufmerksamkeit, ein Hauch Realität, ein wahnsinnig wichtiger Roman, den wir von WeLoveBooks jedem ans Herz legen – lesen Sie es, und Sie fühlen sich endlich wohl, weil Ihre Neugier endlich gestillt ist!


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