• Daniel Allertseder

Vierunddreißigster September


Einen beachtlichen Dorfroman erschuf Angelika Klüssendorf mit "Vierunddreißigster September" - eine radikale, ruhig erzählte Geschichte über einen an Krebs erkrankten älteren Mann, der - einst als autoritärer Tyrann bekannt, nun durch die Krankheit fromm wie ein Lämmchen - von seiner Frau Hilde ermordet wurde, und Hilde daraufhin verschwand. Und ihr Verschwinden ist der Auslöser einer unspektakulären, aber beachtlichen Kehrtwende des ganzen Dorfes.


Angelika Klüssendorf porträtiert ein authentisches, aber verschrobenes Panorama eines zynischen Dorfes im Osten Deutschlands. Die Bewohner sind konservativ, träumen Nachts von Unerreichbarem und scheinbar Blasphemischem, und haben alle die ein oder andere Macke - es gibt die Übergewichtige, der ständig Betrunkene, den chauvinistischen Arzt, die ausländische Wirtin und viele mehr, die es lohnt, ihre eintönigen Leben zu beleuchten. Wir lesen von all diesen Figuren, die teils gar keine Namen besitzen, sondern nur Spitznahmen wie "Schlucki", "Die dicke Hubert" oder "Röschen". Und wir lesen von ihrem Weiterleben nach Werners tragischem Tod durch Hildes Hand, die - wir erinnern uns - spurlos verschwunden ist. Das Dorf aber munkelt oder tratscht nicht groß. Wir lesen lediglich von deren verschiedensten Fäden im Gebilde des Universums, die sich individuell weiterspinnen - aber trotzdem zusammenhängen.


Besonders interessant empfand ich Werners Sicht nach seinem Tod. Ja, Sie haben richtig gelesen: Die Autorin lässt uns an Werners Existenz im Jenseits teilhaben. Von den Toten erhielt er die Aufgabe des Chronisten, und Werner war in erster Linie überfordert, vor allem, weil er sich noch immer die Frage stellte, warum Hilde ihn umgebracht hatte und nun einfach verschwunden war. Doch mit der Zeit - und Zeit heilt bekanntlich alle Wunden, sei es auch im Himmel - fand Werner seine überirdische Bestimmung, nicht weniger durch die tatkräftige und philosophische Unterstützung eines gewissen Dr. Freuds und dokumentierte, ja, erzählte quasi wie ein geübter Chronist von den differenzierten Wegen der Dorfbewohner.


Und was mit Hilde passiert ist, bleibt vielleicht ein Rätsel?


Besonders gefallen hat mir am Roman - neben dem ungewöhnlichen Sujet und der soliden Erzählweise - der schmucklose Schreibstil Klüssendorfs und der atemlose Perspektivenwechsel, der Schwung und Geschwindigkeit in die Erzählung bringt. Besonders empfehlenswert für jene, die einen gewissen Galgenhumor voraussetzen und vertragen können. Selbstverständlich muss man Werners Existenz im Jenseits, zwischen all den Toten und verlorenen Seelen, mit einem zwinkernden Auge betrachten.


5 von 5 Sterne


Titel: Vierunddreißigster September

Autorin: Angelika Klüssendorf

Verlag: Piper

Format: Hardcover

Seiten: 224

ISBN: 978-3-492-05990-9

Preis: 22,00 €

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