• Daniel Allertseder

Sommernacht


Eine einsame Insel inmitten des Ozeans nahe dem irischen Lande. Eine Hochzeitsgesellschaft zwischen der rauen Natur und den sich brechenden Wellen der Insel. Die Trauung von Jules und Will, als prächtiges Ereignis geplant, artet aus in einer Odyssee des Grauens. All das sind die paradigmatischen Zutaten für Lucy Foleys neuem Thriller "Sommernacht", der - welch Überraschung - dem Sujet ihres Vorgängers "Neuschnee" ähnelt: Eine Gruppe von Menschen, abgeschottet, das Setting einer Robinsonade; Figuren mit dunkler Vergangenheit, Gehässigkeit, Hass und Neid. Und all das mündet in einem Mord. Ein Ensemblethriller wie der von Größen wie Agatha Christie oder Arthur Conan Doyle. Mit dem einen Unterschied, dass die Figuren der zeitlosen Meisterautoren zumindest den Anschein von menschlichen Wesen erwecken - anders wie bei Lucy Foley, die Helden kreiert, die man am Liebsten gegen die Wand klatschen möchte. Wie bei "Neuschnee" hatte ich bei ihrem neuen Thriller das Problem, dass es kaum Charaktere gab, denen man zumindest die Hand zum Gruß geben möchte. Fast alle weisen Züge unsympathischer oder gar barbarischer Verhaltensweisen auf, ganz zu schweigen von Wills Kumpels, die sich benehmen wie aufgedrehte, mit Halluzinogene vollgepumpte Affen im Zoo, und für die man sich fremdschämen muss. Dann gibt es Will, einer unserer Hauptfiguren, die einfach unnötig oft als bildhübsch und superreich porträtiert wurde. Es war einfach zu viel, keine Frage. Lucy Foley hat ein Faible für Reiche und Schöne, und dies lässt sie uns seitenweise im Thriller wissen - wie es auch schon bei "Neuschnee" war. Ich war müde von diesen Beschreibungen, ich war gesättigt, und es hat kein Ende gefunden. Lediglich Jules, Aoife und Hannah waren liebenswerte, aber zumindest sympathische Figuren, für die man eine gewisse Sympathie aufbringen konnte. Alle anderen waren fürchterliche Protagonisten, die man gerne wieder vergessen möchte.


Der Spannungsbogen baut sich nur langsam auf. Am Anfang lesen wir vom kindlichen Verhalten erster Gäste, von ersten Andeutungen dunkler Vergangenheiten der Einzelnen. Wir erhalten eine Kostprobe von den moralischen Bestimmungen unserer handelnden Figuren. Wir lesen Dialoge, erinnern uns mit den Sprechenden zurück in deren Schulzeit, in die Zeit, als noch alles in Ordnung war. Bis nach und nach aufgedeckt wird, was passiert ist, und wir als LeserInnen unsere Zugehörigkeiten und unsere Verdachtsvermutungen verdichten und verlagern. Und dann wird es spannend - ja, Sie lesen richtig: Es wird spannend. Es dauert zwar ziemlich lange, aber die letzten hundert Seiten donnern mit hervorragendem Handlungsverlauf und mit unvorhersehbaren Twists. Zwischendurch hat Lucy Foley schon kleine Häppchen ausgelegt. Sie hat uns geködert, und nun sind wir an jenem verhängnisvollen Abend angekommen, und der Spannungsbogen bricht durch die Glaskuppel, Sonne strahlt herein, und die Fingernägel müssen einbandagiert werden, sonst ist später alles abgenagt.


Ein für mich schwieriges Buch. Es ist schwer einzuschätzen, was Lucy Foley damit bezweckt. Bis zur Mitte ist es zäh und genierend, doch zum großen Finale hin wird es hochspannend, und ich habe diese letzten hundert Seiten mit klappernden Zähnen gelesen. Nun stellt sich mir die Frage: Wird es ein drittes Buch geben? Und wenn ja, wie wird die Autorin dieses stilistisch gestalten? Und eine noch viel wichtigere Frage: Wird es wieder Reiche und Schöne geben? Ich bin gespannt! "Sommernacht" aber ist für all jene empfehlenswert, die figurengetriebene Plots lieben. Wer aber die große Spannung sucht, muss bis zum Ende warten.


4 von 5 Sterne


Titel: Sommernacht

Autorin: Lucy Foley

Verlag: Penguin

Format: Paperback

Seiten: 448

ISBN: 978-3-328-10616-6

Preis: 15,00 €

Besondere Bemerkungen: Dieser Beitrag enthält Werbung

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