• Daniel Allertseder

Solikante Solo


Jann bringen keine zehn Pferde zurück in die Metropole Berlin - in die große, laute Stadt, mit all ihren Abgasen, all ihren fremden Stimmen, den engen Räumen und den tausend Gefahren. Er möchte in Solikante bleiben, in dem Schloss, welches er von seinem letzten Vermögen gekauft hat, und welches er Stück für Stück renovieren möchte. Doch etwas fehlt. Diese Leere in ihm kann nicht gefüllt werden. Diese Leere, die vorher Ruth und Sisal ausgefüllt hatten.


Ruth bringen keine zehn Pferde zurück nach Solikante. Diese Einöde, mitten im Nirgendwo, in der Nähe der polnischen Grenze. Provinziell Gesinnte mit kommunistischen, sozialistischen Ansichten; das Schloss, kurz vor der endgültigen Putrefaktion, und die Tatsache, dass der nächste Lebensmittelladen im Nachbarort ist. Doch auch in Ruths Leben fehlt etwas. Klar, sie hat ihre Tochter Sisal. Doch das Dach benötigt eine zweite Säule, um gestützt werden zu können.


In "Solikante Solo" erzählt Björn Kern solide und äußerst spannend die Beziehung von Jann zu Ruth und von Ruth zu Jann. Ihre Trennung fand erst kürzlich statt, und beide gingen dahin zurück, wo sie glaubten, dort wäre ihr Lebensmittelpunkt. Ruth in die Stadt, Jann ins Dorf. Und Stück für Stück erfahren wir vom Autor, innerhalb der Rahmenhandlung, die in der Gegenwart stattfindet, wie beide mit sich und ihrem moralischen Kompass kämpfen. Wie Jann mehr und mehr in sich zusammenfällt, und wie Ruth bemerkt, dass Jann trotz seiner Schwächen und psychisch fragwürdigen Begleiterscheinungen noch einen festen Platz in ihrem Herzen hat. Jann versucht alles, um Sisal regelmäßig zu sehen, und Ruth versucht, ihrer inneren Stimme folgend, dies weitgehendst zu verhindern. Sie pendeln zwischen Stadt und Land hin und her, steigen in den Zug ein, fahren nach Solikante, steigen ins Taxi, fahren nach Berlin. Wo nun geht es beiden gut? In Berlin? Oder doch in Solikante, wo doch Ruth die Hölle durchlitten hatte? In der Binnenhandlung, die in der Vergangenheit spielt, kurz vor ihrer Trennung, erfahren wir, warum es zur Trennung kam, und warum sich beide für ihr neues Leben entschieden haben.


Björn Kern hat seinen neuen Roman dramaturgisch effektvoll und sprachlich solide verfasst. Ein parataktischer, knackiger Schreibstil erzählt im schnellen Tempo von Ruth und Jann, es lassen sich keine weitreichenden Ausschweifungen im Roman finden, die auch hier Fehl am Platz gewesen wären. Björn Kern hingegen beleuchtet gerne die ganzen Fäden und Details, die an Ruths und Janns Entscheidungen hängen - welche Folgen dieser Gedanke haben könnte, und welche Auswirkungen nun wieder Janns rasant gefallene Idee haben könnte. Der Autor entwickelt hier eine Art "Vor-Schmetterlings-Effekt" - heißt, er sieht für seine Figuren in die Zukunft und erahnt, welche Folgen eintreten könnten. Dieser Stil machte "Solikante Solo" so außergewöhnlich.


"Solikante Solo" von Björn Kern ist ein dramaturgisch großartiger, sprachlich solider Roman mit einem Plot, der mich überraschen konnte. Ich wurde bestens unterhalten und konnte das Sujet dieses Textes wahrlich verstehen, nachvollziehen und rekonstruieren: Es sind nicht nur Ruth und Jann, die gegeneinander kämpfen, es kämpfen auch Stadt und Land gegeneinander. Großartig!


5 von 5 Sterne


Titel: Solikante Solo

Autor: Björn Kern

Verlag: S. Fischer

Format: Paperback

Seiten: 336

ISBN: 978-3-596-70089-9

Preis: 16,00 €

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