• Daniel Allertseder

Shuggie Bain


Es folgt eine Rezension zu einem Roman, welcher im Deutschen sehnsüchtig erwartet wurde - Shuggie Bain von Douglas Stuart. Der mit dem Booker Prize ausgezeichnete Roman erzählt vom jungen Shuggie Bain, der in einer Familie mit prekären Lebensumständen aufwächst, sich um seine Mutter kümmern muss, die an einer fatalen Alkoholsucht leidet und der sich in einer Welt behaupten muss, in der feminine Männer nicht geduldet sind. Denn genau das ist Shuggie: Er ist nicht wie die anderen Jungs in seinem Alter. Er liebt all das Schöne und Ästhetische, spricht zivilisierter und verhält sich kultivierter, zum Argwohn aller Altersgenossen und darüber hinaus. Shuggie hat es unglaublich schwer. Hinzukommt, dass seine Mutter droht in die Weiten der Unendlichkeit abzustürzen, die Familie entgleitet ihm, zerbricht - und Shuggie vergisst dabei selbst, er zu sein.


Douglas Stuart hat einen Roman geschrieben, der etwas ganz Besonderes ist! Eine ruhig erzählte Geschichte von einem Kind, welches versucht all die Fäden zusammenzuhalten, die zu verschwinden drohen. Und dabei legt der Autor keinen Wert auf hohe Spannungsbögen oder einem temporeichen Erzählstil - nein, Stuart lässt sich Zeit, eine komplexe und bedeutungsschwere Geschichte zu erzählen. Der Roman ist wie ein köstliches Glas eines schweren Rotweins: Genießen Sie die Geschichte um Shuggie langsam und mit ganz viel Zeit, denn genau dann entfaltet sich der vollmundige Geschmack großartiger Erzählkunst. Wir lesen von Shuggies Aufwachsen zwischen Schimpfereien und Zärtlichkeiten, zwischen Taxen und Männern, die seine Mutter Agnes nur zwischen die Beine wollen. Wir lesen vom Konflikt eines jungen Kindes, welches verwirrt über seine emotionale Situation ist - wie definiert sich sein Geschlecht, wenn er nicht auf Fußball steht oder Frauen anziehend findet? Muss er sich dafür schämen? Muss er etwas an sich ändern? Doch all das geht und funktioniert nicht, denn Shuggie muss voll und ganz, nein, möchte voll und ganz für seine Mutter da sein, die - bedingt durch die zahlreichen toxischen Beziehungen und dem Kummer um Shuggies Mentalität - immer mehr zur Flasche greift und geradewegs in den Tod stürzt. Shuggie vergisst, er selbst zu sein und sich zu entwickeln. Ob er es schafft, sich aus der Misere zu befreien?


Ein wundervoller Schreibstil erzählt von Shuggie, mit viel Geduld und zeitloser Eleganz. Der in der Originalsprache fiese Glasgower Dialekt wird im Deutschen liebevoll als Berliner Dialekt übersetzt, was Abwechslung in den Stil bringt. "Shuggie Bain" ist ein Epos, ein Gleichnis, eine phänomenale Story, die es zu lesen gilt. Aber seien Sie gewarnt: Sie brauchen Zeit und Geduld, aber Sie werden es lieben. Wie Ihren liebsten Rotwein, den Sie schließlich auch nicht mit einem Satz leeren, oder?


5 von 5 Sterne


Titel: Shuggie Bain

Autor: Douglas Stuart

Verlag: Hanser

Format: Hardcover

Seiten: 492

ISBN: 978-3-446-27108-1

Preis: 26,00 €

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