• Daniel Allertseder

Im Wasser sind wir schwerelos


Es grenzt an einer literarischen Meisterleistung, was Tomasz Jedrowski mit seinem neuen Roman "Im Wasser sind wir schwerelos" erschaffen hat. Eine liebevolle, so starke und hinreißende Geschichte über Janusz und Ludwik, die sich im sozialistischen Polen der achtziger Jahre verliebt haben. Janusz möchte in der nationalen Politik aufsteigen, Ludwig möchte frei sein und in den Westen flüchten. Doch beides verträgt sich nicht, und die Liebe droht zu spalten. Der Autor lädt zu einer Geschichte ein, die so Vieles hat, was eine gute Coming-of-Age-Geschichte braucht: Zwei authentische, denkende und sympathische Figuren; eine Entwicklung - in diesem Falle die Suche nach der eigenen Identität - die man mit großem Interesse verfolgt und einen Konflikt, der das Leben der beiden auf die Probe stellt. Doch Tomasz Jedrowskis Roman hat noch viel mehr als das. Nämlich eine pulsierende, herzzerreißende Story über zwei sich liebende Jungs.


Besonders verfallen war ich dem Schreibstil des Autors, der märchenhaft, virtuos und fast schon paradigmatisch die Geschichte von Janusz und Ludwik erzählt. Ich habe es geliebt, die elegant geformten Sätze, die ehrlichen und bedeutungsschweren Dialoge und die fesselnden inneren Monologe von Ludwik zu lesen. Die Beschreibungen sind zudem gefüllt mit wundervollen, bildgewaltigen Metaphern, die der Autor gekonnt und kunstvoll verwendet hat. Genau dieser Stil hat den Roman so wunderschön und flüssig gemacht, und es war eine wahrliche Wonne, Jedrowskis Schreibe zu genießen. Auffällig war auch die Tatsache, dass unser Erzähler - Ludwik - uns direkt angesprochen hat. Aber auch wieder nicht, denn obwohl er in der zweiten Person, also der "Du"-Form erzählt, spricht er trotzdem direkt Janusz an, sodass man meinen könnte, die/der LeserIn wäre in die Rolle des Janusz geschlüpft. Wir durchbrechen die vierte Wand, werden interaktiv Teil des Ganzen, und sind doch wieder außenstehend - und diese außergewöhnliche Fügung empfand ich als äußerst gelungen.


Janusz und Ludwik waren hervorragende Figuren, die uns LeserInnen so viel gegeben haben: Janusz war der Mutige, der, der trotz armen Elternhaus die Karriereleiter emporklettert, und für den seine ganze Zukunft auf dem Spiel steht. Ludwik, unser Erzähler hingegen ist introvertiert, möchte frei sein, ist gegen das Regime und möchte aus seinem Käfig ausbrechen. Ein interessanter Kontrast, der zwangsläufig zu keinem guten Ergebnis führen wird - meint man, denn Jedrowski beweist das Gegenteil. Ich finde das Ende - nach langen, wunderschönen Erzählungen über deren Liebe und nach einer dramatischen Wendung, die verheerend sein würde - wirklich schön und klug gelöst. Beide sind auf ihre Art und Weise frei, und das ist gut so.


Die Liebesgeschichte zwischen den beiden Jungs ist zudem eine Sache für sich: Sie sind so zärtlich miteinander, so sanft und liebevoll. Homoerotische Szenen hat man zwar kaum, aber wir lesen von leidenschaftlichen Küssen, von herzlichen Umarmungen und von deren Zuneigung zueinander. Da hüpft einem das Herz aus der Brust, wenn man liest, wie die beiden zueinanderpassen. Eine ganz besondere Figurenkonstellation - Hut ab!


Im Übrigen fand ich die Anspielungen und Verbindungen zu James Baldwins "Giovannis Zimmer" wirklich hervorragend. Vor allem, da ich diesen Roman selbst gelesen - und wie Janusz und Ludwik - geliebt habe. Zusammenfassend ist also "Im Wasser sind wir schwerelos" ein so wunderschöner und grandioser Roman, dem ich jedem nur wärmstens empfehlen kann. Ein großes Stück Literatur!


Titel: Im Wasser sind wir schwerelos

Autor: Tomasz Jedrowski

Verlag: Hoffmann & Campe

Format: Hardcover

Seiten: 221

ISBN: 978-3-455-01117-3

Preis: 23,00 €

Besondere Bemerkungen: Dieser Beitrag enthält Werbung

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