• Daniel Allertseder

Identitti


Nivedita spricht mit Kali, der indischen Göttin des Todes, studiert nebenbei Postcolonial Studies in Düsseldorf, setzt sich mit den Fragen auseinander, woher Rassismus stammt, ob er persönlich oder systematisch ist. Sie forscht über die gesellschaftliche Annahme, Identität beziehe sich auf das Herkunftsland, auf die Hautfarbe oder auf die Sprache, die man spricht. Und all dies studiert Nivedita bei der weltbekannten Saraswati, selbst Inderin, die das Denken revolutioniert hat, und auf die Nivedita besonders stolz ist. Bis sich herausstellt, dass Saraswati gar keine Inderin ist, sondern Deutsche, und sie nur vorgab zu sein, was sie sein wollte. Ein Shitstorm entbrennt, und Nivedita gerät zwischen die Fronten.


Mithu Sanyal hat ein umfassendes und kompliziertes Gesellschaftspanorama kreiert, welches die prekären Verhältnisse zwischen Herkunft und Identität darstellt und auf philosophische Art und Weise diskutiert. Mithu Sanyal stellt sich die Frage, ob die Herkunft oder das Bedürfnis Identität definiert. Bin ich Deutscher, nur weil ich in Deutschland geboren wurde? Wie funktioniert race und gender? Und welche Verbesserungen muss die Gesellschaft noch verfolgen, damit die Welt ein friedlicher Ort wird? Mithu Sanyal klärt all diese Dinge durch etliche, hervorragend verfasste Dialoge und einem metaphorischen Monolog mit der indischen Göttin Kali. Und dann die Frage, was Saraswati eigentlich angestellt hat - warum lehrt sie Postcolonial Studies, obwohl sie von Rassismus keinesfalls geprägt ist? Darf sie das überhaupt lehren, da die Authentizität fehlt? Dies alles sind unglaublich interessante Ansätze, die die Autorin im Roman "Identitti" klärt.


Der Stil des Romans ist freilich unkonventionell - die Autorin verwendet sehr oft Anglizismen und wechselt gerne inmitten von Sätzen vom Deutschen ins Englische. Einfach, weil sie es kann, und weil es eine interessante Art ist die Geschichte zu erzählen. Sie weicht von literarischen Normen und Konventionen ab, und erschafft ihr eigenes Universum der moralischen Ansprüche. Was aber hin und wieder etwas gestört hat waren etwaige Neologismen und die Verwendung von Fachbegriffen, die zu neuen Kunstwörtern zusammengesetzt wurden, da mir diese leider im Kontext nichts gesagt haben. Auch waren die Twitter-Diskussionen meines Erachtens etwas zu hoch verfasst, was - wie ich glaube - in der Realität so nicht stattfindet. Twitter ist ein schnelllebiges Medium, und ein Social Media-Dienst, in dem die einfachsten Worte verwendet werden, somit erschien dies für mich etwas unglaubwürdig.


"Identitti" war ein außerordentlich spannender Roman, der mir so viele philosophische und theoretische Ansätze beigebracht hat, Verhalten wie auch Denkweisen zu revolutionieren. Die Gesellschaft sollte diesen Roman wie die Luft inhalieren, um verstehen zu können, wie es sich mit Rassimus verhält und was nötig ist, um die Xenophobie zu dezimieren. Ich rieche da, im Übrigen, einen Anwärter auf einen Platz auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2021.


4 von 5 Sterne


Titel: Identitti

Autorin: Mithu Sanyal

Verlag: Hanser

Seiten: 417

Format: Hardcover

ISBN: 978-3-446-26921-7

Preis: 22,00 €

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