• Daniel Allertseder

Die Stimmen des Abends


Es ist das italienische Bürgertum, welches Natalia Ginzburg in ihren Romanen porträtiert, und wie es der damalige Literaturkritiker Italo Calvino im Jahre 1961 so schön reflektiert hat: Die Figuren identifizieren sich lediglich durch ihr Handeln und ihre Dialoge - durch ihr sprechen, denken und ihren emotionalen Gefühlslagen. Denn die Leser erfahren nicht viel durch blumige Beschreibungen in Ginzburgs Roman "Die Stimmen des Abends". Wir lesen von Elsa, die mit Tommasino eine Liaison eingeht, die immer wieder mit dem Autobus in die Stadt fährt, um sich mit ihm zu treffen. Wir lesen von Elsas Mutter, die mit nebensächlichen Dialogen ihre Tochter unterhält, die uns Leser gut und gerne zum Schmunzeln bringt, die in ihrem Leben aber nur eines im Sinn hat: Ihre Tochter mit allen gutaussehenden, vielversprechenden, potentiellen Schwiegersöhnen des Dorfes zu verheiraten. Und dann lesen wir von Balotta - seiner Zeit Fabrikbesitzer und Krösus der Gegend; etliche Töchter und Söhne um sich herum, unter anderem Tommasino. Wir erfahren von all ihren Lebenswegen, gepaart mit dem Schicksal Elsas.


Natalia Ginzburgs Dorfroman glänzt durch den für Ginzburg typischen, schmucklosen und starren Stil, der nur Eines als Fokus hervorhebt: Das Handeln und Sprechen ihrer Hauptfiguren. Für Ginzburg war das Fortschreiten ihrer Protagonisten wichtiger als das auf der Stelle treten, mit poetischen Beschreibungen und hypotaktischen Satzgebilden, die ins Endlose gehen. Und dabei, neben diesem trockenen, aber dennoch rasanten und abenteuerlichen Schreibstil entfalten sich die Eigenheiten und Makel ihrer Figuren, wie die von Elsas Mutter, die aus ihrem Mund nichts Gescheites entlässt, nur recht nette Marginalien des immerwährenden Lebens. Und wenn wir von Balottas Kindern lesen, lesen wir von Ehebruch, Identitätskrisen, von der wohlbekannten Dolcen Vita und der Verbindung zu Elsa und Tommasino. Sie sagen viel - dies wortwörtlich, denn Natalia Ginzburgs "Er sagte" oder "Sie sagte" wird als alleiniges Verb von Dialogen voran- oder hintenangestellt. Sehr mutig, aber notwendig. Denn genau diese einfachen Elemente vertreten und symbolisieren Ginzburgs dargestellten und authentischen Bürgertum. So ist "Die Stimmen des Abends" eine unterhaltsame, interessante und in der Tat erquickliche Erzählung über so manch italienische provinzielle Traditionalisten.


5 von 5 Sterne


Titel: Die Stimmen des Abends

Autorin: Natalia Ginzburg

Verlag: Wagenbach

Format: Hardcover

Seiten: 139

ISBN: 978-3-8031-1364-1

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