• Daniel Allertseder

Die jüngste Tochter


Sie ist die jüngste Tochter. Sie ist in Frankreich geboren, in der westlichen Welt. Ihre Eltern stammen aus Algerien. Sie selbst ist Muslimin. Und sie ist Homosexuell. Sie heißt Fatima, und sie trägt den Namen einer heiligen Figur des Islam. Sie hätte den Namen rein und unschuldig tragen müssen. Doch sie hat ihn beschmutzt. Sie heißt Fatima. Und in ihrem Leben trifft Tradition auf Moderne.


Fatima Daas, Jungintellektuelle aus Frankreich, hat mit ihrem Debütroman La petit dèrnier die Schatten ihrer Konfession und das Spektrum ihres selbst bestimmten und freien Lebens im freien Europa verglichen. Die Bedeutung ihres Namens und die Konventionen ihrer Religion verlangen ein stets ehrenhaftes und normatives Leben; eine Gesinnung, wie es im jüngsten Buche steht, eine Orientierung, die in der östlichen Welt als prekär und verachtenswert gilt. In Frankreich, in einem liberalen, weltoffenen Land aufgewachsen aber darf Fatima frei sein, muss sich ihrer sexuellen Orientierung nicht schämen, sie darf sein wer sie ist, und das schon immer. Doch wir verträgt sich eine Religion zur Bestimmung des Herzens? Wie wirkt sich dies auf die Person aus? Wie ergeht es Fatima, wenn sie ihre Eltern reden hört, die von einem Mann an ihrer Seite träumen und über Homosexuelle und "Andersartige" spotten?


Die junge Schriftstellerin erläutert in ihrem Roman "Die jüngste Tochter" eingehend, ehrlich und überaus nachvollziehbar durch einen kurzen und parataktischen Stil die verschiedenen Facetten ihres Daseins, mit denen sie kämpfen muss. Das Schweigen gegenüber ihrer Familie, die Weltoffenheit in der Universität und im gesellschaftlichen Leben - die Tatsache, dass sie ihren Namen ehrenvoll tragen muss, da dieser der Name einer muslimischen Schutzheiligen war. Diese zersplitterte Identität versucht die Autorin in prosaischen Texten widerzuspiegeln, uns nahezubringen, uns zu erklären, was tief in ihr brennt, und welche Gedanken sie ertragen muss. Sie sucht Rat bei Imamen; diese raten ihr, täglich zu Allah zu beten. Fatima ersucht daraufhin Allahs Verständnis und Toleranz, und dabei prangert aber Fatima Daas weder ihre Religion, noch ihre Kultur an. Mit keinem Wort stellt sie eine Konversion in Aussicht. Was der Leser aber versteht, weil wir kennen Fatima, wir wissen: Sie will ihren Glauben behalten, sie will ihrer Kultur treu bleiben, und sie will ihr Innerstes nicht belügen, nicht abschwören. Und das ist gut so, denn sie will mit beiden Hälften ihrer Identität leben, sie will beides in Einklang bringen. Und diesen Versuch schildert Fatima Daas in "Die jüngste Tochter".


Ich heiße Fatima Daas. Ich bin Muslimin, also habe ich Angst. Dass Gott mich nicht liebt. Dass Er mich nicht so liebt, wie ich Ihn liebe. Dass Er mich im Stich lässt. Nicht die zu sein, die ich sein "sollte". Infrage zu stellen, was Gott mir aufgetragen hat zu tun. Mir selbst überlassen zu sein.

Sie schildert den Konflikt eindrücklich und mit einem hervorragend, dramaturgisch großartigen Stilmittel: Sie beginnt jedes Kapitel mit den Worten "Ich heiße Fatima [Daas]", und erklärt kurz, wer sie sein sollte, was sie nun ist und was sie sich wünscht. Sie wiederholt Kapitel für Kapitel ihren Namen, die Bedeutung ihres Namens und macht uns somit eindringlich klar, welcher Weg für sie vorgesehen gewesen wäre, und welche Bürde ihre Eltern ihr mit ihrem heiligen Namen aufgehalst haben. Und nun ist alles anders. Wir folgen ihr von Kindesbeinen an zur Gegenwart und erfahren, wie sie zu ihrer inneren Zerrissenheit gelangt ist, und welche Zukunftspläne ihr vorschweben, welche sie bereits umgesetzt hat und wie der Islam mit ihrer westlichen Denkweise harmonieren könnte. Fatima Daas setzt eine Offensive in Szene, die so viele plagt, die so viele schmerzt, und sie versucht durch ihren autobiographischen Text, eine Balance in diese so unterschiedlichen Welten zu bringen.


Ein hervorragender, ganz und gar authentischer und latent erschreckender Roman über die Identität der Autorin und den Tatsachen unterschiedlicher Gesellschaften. Eine Streitschrift ohne lamentierende Diffamierungen und dem kritischen Panorama zwischen Tradition und Moderne. Eine wegweisende, anachronistische und sehr empfehlenswerte Lektüre.


5 von 5 Sterne


Titel: Die jüngste Tochter

Autorin: Fatima Daas

Verlag: Claassen

Format: Hardcover

Seiten: 192

ISBN: 9783546100243

Preis: 20,00 €

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