• Daniel Allertseder

Die Überlebenden


Sie sind erwachsen geworden. Wie die Zeit unaufhaltsam Schicksale meißelt, so sind die drei Brüder Benjamin, Nils und Pierre reifer und unabhängiger geworden. Sie haben alles hinter sich gelassen - das Sommerhaus, die Eltern, die kindliche Naivität. Und doch bröckelt es immer noch, trotz dem Tod der Mutter. Kennen sich die Brüder eigentlich noch? Sind sie sich näher denn je? Hatten sie sich überhaupt jemals genau gekannt? Mit dem Sterben der Mutter begegnen sie sich wieder. Nun erwachsene Menschen, erfolgreich oder nicht, sie bleiben Benjamin, Nils und Pierre. Doch was ist damals wirklich im Sommerhaus geschehen? Damals, vor vielen Jahren. Und warum war die Liebe der Mutter nur ein metaphorisches Feuer ohne Wärme, nur ein Hauch dessen, was die Brüder als Liebe hätten erhalten sollen? Alex Schulman erzählt in seinem großartigen Roman "Die Überlebenden" von einem Trio, welches mit den Schatten der Vergangenheit zu kämpfen hat; und wie sie nach Erlösung suchen, die ihnen schon früh so viel hätte ersparen können.


Der schwedische Autor Alex Schulman erzählt seine Geschichte durch eine Rahmen- und eine Binnenhandlung. Die Rahmenhandlung findet in der Gegenwart statt. Die drei Brüder tragen die Urne mit sich, in der sich die Asche der Mutter befindet, und wollen diese im See am Sommerhaus verschütten. Wir erfahren direkt zu Beginn, dass mit den Brüdern etwas nicht stimmt. Die Polizei nähert sich, die Brüder weinen, blutige Gesichter, sich umarmend. Wir wissen schon jetzt: Eine tief verwurzelte Geschichte entspringt mit dem Beginn des Romans, und was daraufhin folgt, wird uns sprachlos werden lassen. Die Art, wie die Rahmenhandlung, also die Gegenwart erzählt wird ist sonderbar, gar außergewöhnlich: Schulman erzählt die vierundzwanzig Stunden, die die Rahmenhandlung umfassen, rückwärts. Wir beginnen um 23:59 Uhr und gehen Schritt für Schritt zurück, bis die Zeiger der Uhr des vorherigen Tages Mitternacht angekündigt haben. Die erzählte Zeit der Rahmenhandlung umfasst folglich vierundzwanzig Stunden. Am Ende des Romans erfahren wir, warum die Brüder so aufgelöst sind, und warum sie eine Straftat begehen, warum sie zurück zum Sommerhaus fahren, und was ein letzter Brief ihrer Mutter damit zu tun hat.


Unterbrochen wird die Erzählung abwechselnd durch die Binnenhandlung, die in der Vergangenheit stattfindet. In jener Vergangenheit sind Benjamin, Nils und Pierre noch Kinder, die Eltern beide noch lebend. Wir erfahren, wie die Brüder zueinander stehen, welches Verhältnis sie zu den Eltern haben, wir lesen vom Sommerhaus, von allerlei Situationen, die ferner nicht selten brenzlig werden. Anfangs mag sich die Binnenhandlung noch nett und sympathisch lesen, doch schon bald stellt sich heraus, dass eine große, graue Wolke über der Familie schwebt, mit Gewitterzellen, auf deren Entladung man nur ungeduldig wartet. Und die Spannung in den Gewitterzellen im metaphorischen Sinne, denn ein einschneidendes Erlebnis, welches paradoxerweise mit Elektrizität zu tun hat, verändert die Familie von Grund auf. Und wir erfahren hier ebenfalls Stück für Stück, wie es zum Konflikt kommt. Wir erfahren den Ursprung des Zerwürfnisses, verstehen allmählich die Konsequenzen Jahre später. Alex Schulman verwebt Vergangenheit und Gegenwart meisterhaft mit großer Virtuosität. Er zeichnet seine Figuren dynamisch; lässt jeder Figur den Spielraum, die sie benötigt, um sich zu entfalten. Nebensächlichkeiten spielen hierbei überhaupt keine Rolle - er setzt den Fokus klar auf die wichtigen Details, die uns zu verstehen geben, warum die Brüder in der Gegenwart sind, wie sie sind.


Der Schreibstil Alex Schulmans ist wahrlich eine wundervolle und flüssige Kadenz, die zum Weiterlesen zwingt! Der Autor formt kluge und lebendige Sätze, die ein Genuss für den interessierten Leser sind. Es liest sich glatt wie ein Drehbuch, oder eine Transkription eines großen Films, der klar auf Dramatik und Spannung setzt; besonders der Anfang und freilich auch dieses bewegende, zu Tränen rührende Ende war ein Paukenschlag literarischer Erzählkunst.


"Die Überlebenden" war ein großartiger, absolut empfehlenswerter Roman über drei Brüder, die sich auf die Suche nach dem Ursprung ihres Leidens begeben. Sie versuchen, zueinanderzufinden; versuchen, ihre inneren Ängste und ihre schrecklichen Erinnerungen zu besiegen. Alex Schulman erzählt meisterhaft von einer Tragödie, die authentischer nicht hätte sein können, von Schmerz und Vergebung, von Verdrängung und Liebe. Es ist die Entdeckung des Jahres - ein Buch, welches man in solcher literarischen Raffinesse selten findet.


5 von 5 Sterne


Titel: Die Überlebenden

Autor: Alex Schulman

Verlag: dtv

Format: Hardcover

Seiten: 304

ISBN: 978-3-423-28293-2

Preis: 22,00 €

Besondere Bemerkungen: Dieser Beitrag enthält Werbung