• Daniel Allertseder

Der vergessliche Riese

Aktualisiert: März 6


rowohlt.de | 2021

Sehr oft habe ich den Vater wiedererkannt – wiedererkannt in Form meiner Großmutter; die, wie der Vater, an Demenz erkrankt war, einen schweren Krankheitsverlauf hatte, und ich als Leser dadurch mit dem »Freund«, unserer Erzählfigur, fühlen konnte. Ich konnte sie denken, die Gedanken, die der Freund gedacht hatte, konnte die Gefühle nachvollziehen, die er spärlich erwähnt hatte, und ich konnte die Liebe trotz allem geben, wie der Freund es getan hatte. David Wagners Roman »Der vergessliche Riese« konnte mit all seinen Facetten überzeugen. Vielmehr als das, er lässt aufhorchen, er lässt bewegen, er lässt trauern, über den Vater, der im Roman eine wichtige Rolle spielt. Er ist unser zentraler Protagonist – einst erfolgreich, nun an einer unheilbaren Krankheit erkrankt. Und wir haben den »Freund«, die Figur, die uns erzählt über den Papa, was er sagt, was er tut, und wie oft er seine Fragen wiederholt. Das Sujet des Romans ist ganz klar der Umgang mit dementen Familienmitgliedern, Freunden oder Bekannten. Das Durchhalten, das permanente Freundlich sein, dieses Wegdenken von der Aggressivität, die man als Angehöriger demenzkranker Personen erwidern möchte, wenn die unbewusste Polemik der erkrankten Person ausatet. Und David Wagner beschreibt liebevoll die Beziehung zwischen den Beiden, mit einem dialoglastigen Text, aber mit emotionalen und auch teils sentimentalen Chroniken über den Papa, ein ehemals finanziell unabhängiger Triumphator. Und ohne Hang zur Dekadenz verliert der Vater trotzdem alles – außer die Familie, die auf immer neben ihm steht, und vor allem den Sohn, der ihn liebevoll umsorgt.

Die Sprache von David Wagner ist ungezwungen, lebendig – gar leichtfüßig. Aber dennoch mit einer schweren, detaillierten Substanz versehen, die beim Lesen in den Magen übergeht. Flott lesen sich die Kapitel, ganz und gar unbeschwert, und die Figuren zeichnen sich, sie formen sich immer mehr. Und auch wenn wir Leser lediglich die Dialoge und eine Sicht nebenbei, ohne den Auftritt des Vaters erleben, so wissen wir doch: Es waren reale Figuren, da der Roman autobiographisch gefärbt ist, und wir uns freuen, dass der Sohn – war es David Wagner selbst? – den Vater nie fallengelassen hat.


Ein starkes Werk, so berührend und emotional, mit einem aufmunternden Stil, der überzeugt. David Wagners »Der vergessliche Riese« ist alles – vor allem empfehlenswert!


5 von 5 Sternen


Titel: Der vergessliche Riese

Autor: David Wagner

Verlag: Rowohlt

Seiten: 272

Format: Hardcover

ISBN: 978-3-498-07385-5

Preis: 22,00 €


Besondere Bemerkungen: Dieser Beitrag enthält Werbung