• Daniel Allertseder

Der ehemalige Sohn


Der belarussische Autor Sasha Filipenko ist ein mutiger Mann - ganz klar! Sein Heimatland, eingefroren in einer stalinistischen, kühlen und distanzierten Zeit. Eine anachronistische Bewegung auf den Straßen der Hauptstadt Minsk - die Opposition, bestehend aus hunderttausenden Demonstrierenden gegen den noch immer regierenden Präsidenten. Sasha Filipenkos Roman "Der ehemalige Sohn" skizziert genau dies. Doch erschütternd ist die wissende Tatsache, dass all dies, was der Autor bereits 2014 als fiktives Romandebüt gestartet hatte, nun im Land des letzten offiziellen diktatorischen Regimes Wirklichkeit geworden ist.


Franzisk ist ein untalentierter, fauler aber freundlicher Schüler eines Lyzeums in der Hauptstadt. Wir schreiben das Jahr 1999, und die Beratungen über die Selektion schwacher Schüler stehen an - darf Franzisk in seinem Lyzeum bleiben, obwohl er selbst weiß, dass für sein Nichtstun eigentlich kein Grund zum Verbleib besteht? Franzisk wird es aber nicht mehr erfahren, denn durch eine verhängnisvolle Massenhysterie fällt der arme Junge ins Koma. Doch nicht nur er fällt in einen tiefen Schlaf, auch sein Land scheint fortan wie eingefroren zu sein.


In "Der ehemalige Sohn" zeigt uns Sasha Filipenko grandios, was in seinem Land falsch läuft, wie die Bevölkerung unterdrückt wird und das Machtspiel des Präsidenten einer endlosen Partie "Mensch ärgere dich nicht" gleicht. Er zeigt, wie die Medien manipuliert, die Polizei die Zahl der Kritiker dezimiert und das gesamte Land mit Ängsten und Drohungen okkupiert wird. Es ist traurig zu lesen, wie es einem Land in Europa noch möglich sein kann, so autoritär und gegen alle Menschenrechten zu regieren. Der Autor nutzt hierbei geschickt seinen zehn Jahre später aus dem Koma erwachten Zisk, der nicht versteht, wie trotz Globalisierung und Technologien ein Land noch immer in den Armen des Kommunismus und des Stalinismus, frappant ausgedrückt: in der Guillotine des Despotismus stecken kann. Zisk muss erst erklärt werden - dies geschieht nach dem Erwachen überwiegend durch seinen Freund Stass - was in all den Jahren mit dem Land geschehen ist, und welche außenpolitischen Maßnahmen zum restlichen Europa gespielt werden, um nichts von dem nach außen dringen zu lassen, was innen unübersehbar ist. Doch auch Zisk erhebt sich irgendwann, und trotz Angst und Schrecken findet er seinen Weg.


Als wohl wichtigste Figur neben Franzisk ist die Großmutter zu erwähnen, die wohl jeder Leserin und jedem Leser ans Herz gewachsen ist. Es sind die Erinnerungen an die eigene Großmutter, die im Kopf auftauchen, auch wenn diese Erinnerungen in einer ganz anderen Welt angesiedelt sind, so sind trotzdem die Werte, die Zisks Oma vermittelt, dieselben: Sie steht immer zu ihrem Enkel, pflegt ihn und kümmert sich um ihn Tag und Nacht, obwohl die Ärzte sagen, es gebe keine Hoffnung mehr auf ein Erwachen. Sie redet mit ihm, liest ihm vor, spielt ihm Musik vor, erzählt ihm von all den Veränderungen in der Familie, von den Freunden und vom Land. Die Großmutter ist eine herzensgütige und liebevolle Figur, die die wahre Heldin des Buches darstellt.

So ist es, mein Lieber. Uns gibt es nur hier uns jetzt, darum kämpfe ich so um dich. Etwas anderes kommt nicht mehr, und ich will nicht, dass die Unterführung und das Krankenzimmer die letzten Orte deines Lebens gewesen sind. [...] Du musst dich anstrengen, musst kämpfen, alles geben, hörst du? Hörst du, mein Lieber?

Sasha Filipenkos Schreibstil ist weder virtuos noch fabulierend. Nein, er erzählt seine Geschichte nüchtern, fast wie eine Reportage eines allwissenden Reporters, der alles im Überblick hat. Es sind seitenlange Monologe verschiedenster Figuren, die jene Absurditäten und Unsinnigkeiten der Regierung leidenschaftlich kommunizieren. Die Figuren sind Filipenkos Sprachrohre für all das, was ihn selbst und sprichwörtlich alle Einwohner Weißrusslands bedrückt und im Keim erstickt. Ich finde es bemerkenswert, wie der Autor Kritik hageln lässt, ohne auch nur einen einzigen Namen eines Amtsträgers oder einer Organisation zu nennen, um Denunzierungen zu vermeiden. So schützt sich Filipenko wohl selbst in seinem eigenen Land, in dem der Roman leider verboten wurde.


"Der ehemalige Sohn" ist eine metaphorische Elegie, eine Anklage an die Regierung Weißrusslands, schlicht aber auch eine erschütternde, teils auch schockierende Erzählung über die Zustände im Land. Sehr empfehlenswert.


5 von 5 Sterne


Titel: Der ehemalige Sohn

Autor: Sasha Filipenko

Verlag: Diogenes

Format: Hardcover

Seiten: 320

ISBN: 978-3-257-07156-6

Preis: 23,00 €

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