• Daniel Allertseder

Das Damengambit


Restlos begeistert war ich von der Netflix-Serie "Das Damengambit" - eine schauspielerische, dramaturgische und visuelle Sensation, die in Windeseile die Top-Listen im Sturm erobert hat. Dass es eine literarische Vorlage dazu gibt scheint nicht verwunderlich zu sein, so mussten sich die Macher der Serie doch an etwas orientieren, was gleichsam wie die Serie ist: Stark, authentisch und polarisierend. Siehe da, der traditionsreiche Verlag Diogenes hat im Deutschen "Das Damengambit" von Walter Tevis veröffentlicht - und wen wunderts? - Ein Originaltext, der so bezaubernd ist wie die Adaption.


Beth Harmon verliert in jungen Jahren ihre Mutter, muss nun als Vollwaise ins Methuen-Heim ziehen und dort den strengkatholischen Prinzipien und Lernmethoden folgen. Als einzige Stützen wären da Jolene, eine schwarze Vollwaise, die niemand adoptieren möchte; die kleinen Pillen, die Beth täglich helfen zur Ruhe zu kommen - und Schach. Schach im Keller von Mr Shaibel, der Beth mit der Zeit dieses königliche Spiel beibringt. Beth avanciert sich zu einer Meisterin, darf das Heim allmählich verlassen und beginnt eine Karriere als unvergleichbare Meisterin des Schachs - mit vielen Höhen und Tiefen.


"Das Damengambit" ist ein Roman der Extraklasse, der vor allem durch die starke, mutige und außergewöhnliche Hauptfigur und den immer wiederkehrenden, grandiosen Spannungsbögen begeistert. Zu aller erst ist Beth Harmon introvertiert, still, ein heimliches Genie. Sie ist weder Draufgängerin, noch Paradebeispiel für lebhafte Frauen ihrer Zeit. Sie ist zurückhaltend, vorsichtig und hochintelligent - und trotz all dieser stillen und furchtsamen Eigenschaften ist sie die wohl stärkste Romanfigur, die ich bisher kennenlernen durfte. Und dies nur, weil sie Schach spielt, und die Welt des Männerschachs von damals an die Wand drängt. Beth wirkt so sympathisch und interessant, und ihre Exzesse - sei es durch Pillen oder Alkohol - muss der Leser ihr verzeihen, so zeigt sie doch immer wieder, welch Gabe sie inne hat, und welche Intelligenz in ihr polarisiert. Zum anderen schafft es Walter Tevis ununterbrochen einen Spannungsbogen zu generieren, der mit jedem Schachspiel, bei jeder Partie anschwillt und anschwillt. Er ist wie ein Ballon, der droht zu platzen, tatsächlich aber erst zum Ende hin platzt. Der Leser verfolgt gerne Beths Partien, auch wenn man vom Spiel (sofern man kein Kenner ist so wie ich) nicht viel versteht. Der Schreibstil tut sein Übriges: Er ist weder hochliterarisch noch verschnörkelt. Er ist solide, authentisch und schlicht. Walter Tevis hält sich nicht lange auf mit ewigen Beschreibungen irgendwelcher Details, die der Geschichte nicht helfen, die keinen Fortschritt erzeugen. Fast schon knackig, mit parataktischem Stil erzählt er von Beth, die bei jeder Partie um ihr Leben spielt. Und man fiebert mit - dies definitiv! Bei der Serie - wie auch beim Buch.


Ein großartiger Roman, der in den Kanon der Weltliteratur aufgenommen werden sollte. Wenn es die Schachnovelle auf die Liste jener Romane, die man gelesen haben muss geschafft hat, dann muss es doch wohl auch "Das Damengambit" schaffen, oder?


5 von 5 Sterne


Titel: Das Damengambit

Autor: Walter Tevis

Verlag: Diogenes

Format: Hardcover

Seiten: 416

ISBN: 978-3-257-07161-0

Preis: 24,00 €

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