• Daniel Allertseder

Blanko


Das Schicksal ist unvorhersehbar - das Leben kann glimpflich verlaufen, es können aber auch Schicksalsschläge im nächsten Moment das Leben einer einzigen Person oder die Leben vieler Personen zerstören. Viktor hätte nie gedacht, dass ihm solch ein Niederschlag jemals passieren würde. Und doch verstarb seine Frau bei einem brutalen Überfall. Die Welt zerbricht, das Leben zerschellt. Doch Viktor hat noch seinen Sohn Igor. Igor ist ein noch junger Bub, geht in die Schule. In eine Schule, deren Eingangstor nicht ausreichend geschützt ist. In eine Schule, in die einfach jeder hineinspazieren könnte. Und er fährt mit der Straßenbahn, in der auch allmögliches passieren könnte. Selbst beim Verlassen der Wohnung könnte ihm schon etwas widerfahren. Viktor möchte Igor nicht auch noch verlieren und tut alles dafür, dass sein Sohn vor allem und jedem geschützt ist.


Peter Terrin erzählt in seinem Roman "Blanko" von einem Vater, der nach dem Tod seiner Frau eine wahnhafte Obsession entwickelt, seinen Sohn vor der Außenwelt zu isolieren. Es beginnt ganz simpel, indem Viktor ihn zur Straßenbahn begleitet, und endet damit, dass der Vater seinen Sohn in seinem Zimmer einsperrt. Wir erleben Stück für Stück eine Entwicklung in die unendliche Weite des Wahns, Kapitel für Kapitel radikalisiert der Vater seine Ansichten mehr und mehr. Es ist eine wahrhaftige Elegie, eine Tragödie des Vertrauens und der Sicherheit. Viktor versucht mit aller Kraft seinen Sohn vor allen äußeren Einflüssen zu schützen, und scheut nicht davor zurück, teure Sicherheitsvorkehrungen und Überwachungs-Hardwares zu installieren. Der Autor erzählt hier schier radikal vom Verrücktwerden Viktors, und wie er dadurch seinen Sohn noch viel mehr in Gefahr bringt als er es ohne sein Zutun gewesen wäre. Der Verfall, die Dekadenz beider im häuslichen Gefängnis endet sogar tragisch, was ich als überaus mutig empfand.


Der Stil Peter Terrins ist parataktisch - kurz und knackig, schnell und rasant erzählt. Die Kapitel halten sich kurz, dennoch besitzt der Autor aber eine gewisse Virtuosität, die er in eine lebendige Erzählform hüllt und uns eindringlich die Gefühle und Gedanken von Viktor nahebringt. Er schafft es, durch seine Hauptfigur den Schmerz nach außen hin zu projizieren, den Schmerz, den Viktor in sich trägt, die Vorstellungen, wie seine Frau ihren Tod fand. Seine Qualen und leidlichen Ängste, seinem Sohn könnte selbiges passieren. "Blanko" ist aber auch als interessantes Gesellschaftspanorama zu verstehen - wie viel darf man sich und seinen Liebsten zumuten? Ist der Weg, den Viktor wählt, das Abbild vieler Eltern, vieler sogenannter "Helikoptereltern", die ihre Kinder zuhause einsperren und keinen Fuß vor die Tür setzen, ohne zu wissen, was das Kind tut und wo es ist?


Ich darf nicht nachlassen, dachte Viktor. Ich muss auf der Hut bleiben. Niemands weiß, was die Zukunft bringt, wann das Schicksal zuschlägt.

Viktor darf die Leserin/der Leser zudem keineswegs als schlechten Vater deklarieren. Man darf Viktor nicht vorwerfen, er wäre ein schlechter Vater, so kümmert er sich doch stets liebevoll um seinen Sohn Igor. Besonders zu Beginn spürt man die Liebe zu seinem Kind deutlich, die Zärtlichkeit seiner Stimme, das Wohlergehen, wenn sie zusammen sind und das sich liebevolle Kümmern zeugen von einer sympathischen Figur. Und diese Absicht, seinem Kind etwas Gutes tun zu wollen verliert der Vater auch keineswegs. Er behält bis zum Ende hin die Idee, das Kind schützen zu wollen, es geborgen zuhause aufziehen zu wollen. Doch in all seinem Sicherheitswahn verliert der Vater leider den Sinn für das Rationale, und es endet in einer wahrhaftigen Tragödie.


Peter Terrins Roman "Blanko" hat mir sehr gut gefallen. Ein Roman, der von Seite zu Seite mehr elektrisiert, der mehr und mehr an dem hinzugewinnt, was am Ende dafür sorgt, dass das Duett aus schützendem Vater und beschütztem Kind elendig einstürzt. Sprachlich ist das Buch sehr hochwertig, die Sprache Peter Terrins ist trotz der Schnelle detailliert, der Stil definitiv unterhaltend und flüssig. "Blanko" kann ich sehr empfehlen. Aber der Leserin/dem Leser muss bewusst sein, dass "Happy Ends" auch in der fiktiven Literatur nicht immer obligatorisch sind.


5 von 5 Sterne


Titel: Blanko

Autor: Peter Terrin

Verlag: Liebeskind

Format: Hardcover

Seiten: 208

ISBN: 978-3-95438-125-8

Preis: 20,00 €

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