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5 Fragen an Karla Paul

Aktualisiert: 12. Nov 2018

5 Fragen an... - unsere Rubrik, in der wir bekannte Persönlichkeiten 5 Fragen stellen, die uns brennend interessieren. Wir haben der Literaturpäpstin Karla Paul ein paar Fragen gestellt - was sie geantwortet hat, lesen Sie im Folgenden.


(c) Simone Hawlisch

Frau Paul, Sie gelten als die wohl namhafteste Literaturexpertin im deutschsprachigen Raum, schreiben für zahlreiche Medien über Bücher und Literatur – was bedeutet Schreiben über dieses wundervolle Kulturgut für Sie? Und wie entstand Ihre jahrelange Beziehung zu Büchern?


Meine Liebe zur Literatur wurde bereits im Elternhaus entfacht – meine Großeltern besaßen ein eigenes Bibliothekszimmer, in dem ich oft und gern stöberte. Die dortige Ruhe, der übergroße Sessel, die Fülle an Informationen und Unterhaltungsmöglichkeiten war für mich über viele Jahre eine Heimat, die ich bis heute sehr vermisse. Wer einmal entdeckt hat, welche Möglichkeiten Bücher bergen, wie einfach, schnell und vielseitig wir damit in verschiedene Welten eintauchen können und welch enormes Wissen uns so ermöglicht werden, kommt meist nicht mehr davon los. Zudem bin ich ein sehr neugieriger Mensch und stelle mir und dieser Welt täglich neue Fragen – je mehr ich lerne und erfahre, desto stärker wird dieser Wunsch nach Informationen, um besser zu verstehen, was wo und wann weshalb geschieht.


Wer viel liest, möchte die dazugehörigen Gedanken und geistigen Entwicklungen aber meist auch selbst in Worte fassen, sie festhalten und das finde ich im Schreiben. Im Austausch mit anderen Leser_Innen. Mir sind viele Wünsche, Emotionen und Entscheidungen oft erst klar, wenn ich sie notiert habe. Ein Buch, auch ein Tagebuch, ist nur eine Momentaufnahme, ein Anstoß für Weiteres. Für mich ist Literatur ein täglicher Fluß aus Lesen, Fühlen, Denken, Sprechen, Schreiben und der bis heute wichtigste Begleiter für Kopf und Herz.


Welche optimalen Bedingungen müssen erfüllt sein, damit Sie sich einen stundenlangen Lesenachmittag oder -abend machen können?


Literatur ist mein Beruf, als Journalistin im Kulturbereich lese ich 3-5 Bücher pro Woche und dementsprechend warte ich nicht auf optimale Bedingungen, sondern schaffe sie in mir – für das Schreiben, als auch für das Lesen. Ich kann mich inzwischen sehr gut konzentrieren und somit sowohl in der kompletten Einsamkeit auf meiner liebsten Nordseeinsel Sylt arbeiten als auch auf dem Boden eines überfüllten ICEs. Allerdings glaube ich auch nicht an Ausreden wie die Angst vor dem weißen Blatt oder das Warten auf die berühmte Muse. Kreativität ist harte Arbeit, die Belohnung dafür im Idealfall höchster Genuß.


Nach welchen Kriterien suchen Sie sich Ihre nächste Lektüre aus? Welches Genre lesen Sie am liebsten, und vor allem: Lesen Sie mit dem Strom?


Aus beruflichen Gründen lese ich zu einem Großteil Neuerscheinungen und das circa 3-6 Monate vor dem eigentlichen Veröffentlichungstermin. Ich konzentriere mich dabei auf Gegenwartsliteratur, literarische Unterhaltung, feministische Lektüre sowie Bücher mit gesellschaftlich wichtigen Themen. Das ist aber natürlich oft Auslegungssache und die Grenzen sind für mich nicht immer klar zu ziehen, muss ich aber glücklicherweise auch nicht. Vor der eigentlichen Anforderung des Presseexemplars gehe ich die Vorschauen durch und überlege: was weiß ich über die Autorin, was über den Inhalt, was über den Verlag? Wo könnte ich darüber sprechen? Passt es zu meiner Zielgruppe? Ist es ein CopyCat oder eine außergewöhnliche Herangehensweise? Gefällt mir das Cover? All dies geschieht innerhalb von Sekunden – bei knapp 100.000 Neuerscheinungen jährlich muss ich sehr hart und schnell aussieben, um Zeit und Aufmerksamkeit für die Bücher zu schützen, die es mir wert sind. Das ist aber, wie bei den meisten Literaturkritikerinnen, eine rein subjektive Auswahl, die dann im Idealfall möglichst objektiv bewertet wird.


Welches Werk konnte Sie in all den Jahren so richtig begeistern? Ein Hammerschlag; ein Feuerwerk nationaler oder internationaler Literatur; kurzum: Welches Buch würden Sie Jedem empfehlen?


Nino Haratischwili mit „Das achte Leben (für Brilka)“! Die georgische Autorin, die auch in diesem Jahr mit ihrem neuen Buch für den Deutschen Buchpreis nominiert war, schafft in ihrem Roman sowohl unterhaltsam als auch informativ eine Auseinandersetzung mit fünf Generationen osteuropäischer Geschichte. Selten tauchte ich so tief in 1.200 Seiten ein, litt und liebte, verstand die konfliktbehafteten Zusammenhänge, wurde mitgerissen und am Ende völlig begeistert und emotional entkräftet zurückgelassen. Sie schuf damit ein wahres Epos, ein modernes „Krieg und Frieden“ und über die sehr starken (Frauen)Figuren mahnende Erinnerungen an unsere Vergangenheit.


Die wohl interessanteste Frage: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?


Leben. Vielfalt. Liebe. Engagement. Leidenschaft. Mut. Wille. Haltung. Schönheit. Kraft. Bindung. Kommunikation. Sinne. Werte. Stille. Kreativität. Austausch. Und alles, was daraus entsteht!


Fotos im Beitrag: (c) Simone Hawlisch


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