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#100Wörter - VOX von Christina Dalcher

Was wäre, wenn Sie nur 100 Wörter am Tag sprechen dürften? Stellen Sie sich vor, Sie hätten ein Kontingent von 100 Wörtern, und das als Frau. Denken Sie mal darüber nach: Was wäre, wenn Männer uneingeschränkt das Sagen hätten und die weiblichen Geschöpfe dieser Erde dazu verdammt werden, zu gehorchen und nur 100 Wörter innerhalb vierundzwanzig Stunden zu sprechen? Genau dieses fürchterliche Szenario präsentiert uns die amerikanische Autorin Christina Dalcher, die mit ihrem Roman „VOX“ nicht nur ein Werk der Kritik, sondern auch ein Werk des Weckrufs verfasst hat. Ehrlich und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen zeigt uns Christina Dalcher ein totalitäres Amerika der Zukunft – eine, wie ich finde, nicht mehr weit entfernte Zukunft. Folgendes Szenario ist mit dem Wechsel des Präsidenten eingetreten: Frauen dürfen am Tag nur 100 Wörter sprechen. Dieses Kontingent kontrolliert ein recht intelligentes Armband, welches jede Frau – egal welchen Alters – tragen muss. Mit jedem Wort pocht es am Handgelenk, und eine Anzeige zeigt die aktuell gesprochene Wortanzahl an. Sollten die 100 überschritten werden, so sind Elektroschläge die skrupellose Antwort auf die Frage, was passieren mag, möge man die 100 Wörter-Linie überschreiten. Ein totalitärer, fast schon patriarchalischer Staat verdammte die Frauen dazu, den Männern zu gehorchen – keinerlei Vetos, keinerlei Recht auf Geheimnisse; kein eigenes Bankkonto, nicht einmal das Recht, einen simplen Brief zu öffnen. Nun stellt sich die Prämisse: Welches Amerika stellt sich die Autorin vor, wie mag das Amerika der Zukunft denn wirklich aussehen? Wie weit wird es kommen – so dystopisch wie im Roman VOX von Christina Dalcher, die das Schlimmste aller Beispiele wahr macht? Zumindest klingt es realistisch, denn die Menschen werden von der Menschheit selbst nach und nach enteignet und missachtet; die Würde des Menschen – und in unserem Falle der Stolz der Frauen – wird in der nahen Zukunft abfallen, mehr noch mit Füßen getreten. Die Autorin stellt sich also die Frage, wie die Menschheit, und wie die amerikanische Bevölkerung mit der Konfrontation dieser neuen Versklavung umgeht – die Männer freilich dankbar, endlich wieder das Sagen zu haben, die Frauen wahrlich enteignet, der Stimme und der Meinungsfreiheit beraubt. Soviel zumindest zum Grundkonzept des Romans VOX, welcher bei S. Fischer erschienen ist. Uneingeschränkt wird uns Lesern offengelegt, wie krass Amerika sein könnte, und wie illusionistisch diese Hypothese sein kann, sehen wir am aktuellen Präsidenten. Der Mensch kann klug sein, aber auch gehörig dumm. 


Jean ist unsere Heldin im Roman, unsere Rebellin, die natürlich ganz gewaltig etwas gegen dieses neue System hat. Miss Dalcher macht uns mit einer sympathischen, aber auch einer ausgefuchsten Frau bekannt, die anfangs kaum redet, dafür aber umso mehr Gestik und Mimik für sie sprechen lässt. Der Leser wird mitten ins Geschehen geworfen – die Konfrontation findet gnadenlos statt, ohne Vorwarnung, ohne einen Moment des Durchatmens; auch recht schnell wird die Familiensituation der Hauptfigur klargemacht – drei Söhne, alle durchweg im Teenageralter, zumindest geistig; und ein Ehemann, der für die Regierung arbeitet, Jean und seine Kinder selbstverständlich liebt und dann doch aber diesen einen Reverent ins Haus holt, der Jean ein relativ unbescholtenes Angebot macht. Unbescholten, aber dennoch hinterlistig; denn würde ihr kein Ultimatum gestellt werden, so würde sie garantiert ablehnen. Doch sie sieht die Möglichkeit, etwas zu verändern, sie sieht vor sich am Horizont doch noch diesen einen Ausweg, der klappen könnte, der dieses totalitäre System zum Einsturz bringen könnte, denn was Jean angeboten wird, ist kein lapidarer Job, sondern vielmehr eine essenzielle Möglichkeit, etwas zu bewirken. Dieses eben genannte Angebot aber hat mit der Zeit und dem Verlauf des Buches wenig mit den 100 Wörtern zu tun; ja, ich hatte als Leser oftmals das Gefühl, VOX sei die Rahmenhandlung, und das Angebot und die darauffolgende Ausübung die Binnenhandlung, die die Rahmenhandlung fast gänzlich ignoriert. 


Mit einem hypotaktischen Sprachstil und einem Sinn für Philosophie führt uns Christina Dalcher durch die Odyssee unserer Protagonistin, die so ganz nebenbei die Zügel von Amerika in den Händen hält. Beachtlich und einwandfrei verwebt die amerikanische Autorin die Handlungsstränge miteinander und lässt sie in einem Finale münden, welches für ein literarisches Werk dieser Art sogar unüblich, aber dennoch interessant und unterhaltend zugleich ist. 


VOX von Christina Dalcher ist mehr als empfehlenswert; der Roman ist eine Verbildlichung einer Lage in Amerika, die so tatsächlich eintreten könnte. Kritik und ein Appell im Roman intelligent verpackt, unterhält uns die Autorin aber auch mit einer originellen und dennoch interessanten Story, die unsere Heldin Jean auf eine düstere und verflixten Odyssee schickt; keinesfalls außer Acht zu lassen Lügen und Intrigen, falsche Wahrheiten, verdeckte Gegenspieler und Freunde, die wahrlich Freunde sind. Ein Highlight – vielmehr ein Stück Literaturgeschichte!



Buchinformationen


Titel: VOX

Autor: Christina Dalcher

Verlag: S. Fischer

Seitenzahl: 400

Format: Hardcover

ISBN: 978-3-10-397407-2

Preis: 20.00 €


Dieser Beitrag enthält Werbung für "VOX" von Christina Dalcher aus dem Verlag S. Fischer


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